Monat: Februar 2019

Neue Beratungstermine mit Heike Brillmann-Ede an der Lettrétage

An alle interessierten Illustratoren/innen und Autor/innen! Heike Brillmann-Ede, Lektorin und Leseagentin bietet Beratungsgespräche in der Lettrétage an. Hier sind die nötigen Informationen:

Heike Brillmann-Ede

Am 11.04.19 biete ich — freie Lektorin, Rezensentin, Leseagentin — wieder Beratungsgespräche an in der Lettrétage, Mehringdamm 61. Die Gespräche werden finanziert von der WiSU Berlin. Meine Schwerpunkte sind: Wege zum Lektorat im Bilder- bis Jugendbuch. Selfpublishing. Netzwerke, Akquise, Honorar, Verhandeln mit Verlagen, Verlagslandschaft. Für Bild- und TextautorInnen.

Die Anmeldung läuft ab sofort. (https://www.literaturszene.berlin/beratungsangebot/termin-buchen/)

Die Anmeldung läuft tatsächlich schon.

Drei gibt es bereits, mit acht Bild-Text-AutorInnen insgesamt kann ich sprechen.

Herzlich, Heike

Veröffentlicht in Allgemein von Katja Spitzer.

Das Interview: Tulipan-Verlagsleiterin Anette Beckmann

Anette Beckmann ist seit Gründung des Tulipan Verlages dabei, anfangs noch als freischaffende Grafikerin, später dann als Art Direktorin. Im letzten Herbst hat sie die Verlagsleitung übernommen. Wir wollten wissen, was das bedeutet und was für Ideen sie für die Zukunft hat.

Spreeautoren: Du hast vor kurzem die Verlagsleitung des Tulipan Verlages übernommen. Erzähle uns doch, wie es dazu kam und wie deine Arbeit organisiert ist.

Anette Beckmann: Ich habe im Oktober 2018 die Verlagsleitung übernommen, da sich unsere Verlegerin, Mascha Schwarz, aus dem operativen Geschäft zurückziehen möchte.  Ich spreche also mit Autoren, Illustratoren und Agenten, lese die angebotenen Texte und Projekte, mache die Termine auf den Messen … Der Austausch mit den Künstlern steht bei meiner Arbeit auf jeden Fall im Vordergrund und macht auch viel Spaß. Aber grundsätzlich ist es sowieso so, dass wir jeden Titel im Team besprechen. Wenn ich also von einem Titel überzeugt bin, bespreche ich mich mit Mascha und unserer Lektorin, dann mit der Geschäftsleitung und auch im kompletten Team. Wenn wir uns für einen Titel entschieden haben, schauen wir, wie man ihn positionieren kann, ob es ein Winter- oder Frühlingstitel wird, ob sich besondere Marketingaktionen anbieten, ob es ein besonderer Pressetitel ist … Mascha als Verlegerin ist an den großen Entscheidungen nach wie vor beteiligt und wir stehen im engen Austausch.

Spreeautoren: Seit wann gibt es den Tulipan Verlag?

Anette Beckmann: Der Verlag wurde 2006 gegründet, das erste Programm erschien 2007.

Spreeautoren: Kannst du uns erzählen, wie sich der Verlag seitdem entwickelt hat? Gab es am Anfang ein anderes Programm oder weniger Bücher?

Anette Beckmann: Es gab anfangs wesentlich weniger Bücher. Damals hatten wir sieben bis acht im Programm pro Saison, heute sind es doppelt so viele. Außerdem waren wir früher auch deutlich klassischer ausgerichtet. Bücher mit Halbleinen und Goldprägung kamen z.B. immer wieder vor. Im erzählenden Buch, aber auch in unserer Hausbuchreihe, die wir seit ein paar Jahren nun nicht mehr machen.
Das Programm war sehr literarisch und künstlerisch ausgelegt, weniger experimentierfreudig. Das hat sich dann über die Jahre weiterentwickelt. Inzwischen wird viel mutiger mit bestimmten Themen umgegangen: Tod, Demenz, Depressionen …
Alles keine einfachen Themen. Aber wir suchen bewusst danach und möchten immer ein besonderes Buch im Programm haben. Seit ein, zwei Jahren haben wir dafür auch einen Slogan:

Tulipan Bücher bewegen!

In Zukunft möchten wir dieses »Label« auch für unsere besonderen Bücher, die bewegenden Bücher, nutzen und hoffen, damit besonders den Buchhandel zu erreichen.

Spreeautoren: Gibt es für solche Bücher eine Förderung?

Anette Beckmann: Die Möglichkeit besteht sicher, aber ich glaube, in dem Moment, in dem man Förderungen in Anspruch nimmt, wird man auch unfreier in der Umsetzung. Uns ist es wichtig, sehr ehrlich und offen mit schwierigen Themen umzugehen, gleichzeitig darf hier der pädagogische Ansatz nicht im Vordergrund stehen … Solche Bücher können und dürfen vor allem poetisch und künstlerisch umgesetzt werden … So wie es Werner Holzwarth und Mehrdad Zaeri zum Beispiel mit »Mein Jimmy« gelungen ist oder wie Nikola Huppertz und Tobias Krejtschi mit »Meine Mutter, die Fee« etwas ganz Berührendes geschaffen haben. Ich denke, dass diese Bücher von enormer Wichtigkeit sind, auch wenn viele sicher Nischenprodukte bleiben. Es sind keine Bücher, bei denen wir riesige Auflagen erwarten.
So funktioniert auch bei uns ein bisschen die Mischkalkulation, wir möchten eben besondere Bücher machen und dafür brauchen wir natürlich ein paar andere Bücher im Programm, von denen wir ziemlich sicher davon ausgehen können, dass sie ein breiteres Publikum ansprechen. Gleichzeitig dürfen sie nicht platt sein … das ist unser Anspruch. Humorvolle Bücher, von denen wir auch mal 70 000 Stück verkaufen, sind nicht weniger wichtig als welche mit ernsten Themen.

Spreeautoren: Was ist euch wichtig, wenn ihr ein Buch macht?

Anette Beckmann: Am Anfang steht immer die Frage: Warum ist dieses Buch ein Tulipan Buch? Dazu gehört nicht nur ein guter Text, dazu gehört auch die komplette Umsetzung, bei der alles stimmen muss: die Bilder, das Format, das Papier, der Druck, das Marketing, die Positionierung etc.Wir müssen also bei jedem Titel eine, unsere, Linie verfolgen.

Spreeautoren: Wie macht ihr das? Dürfen immer alle mitreden oder gibt es z.B. eine Liste, die abgehakt werden muss?

Anette Beckmann: Wir versuchen schon, dass alle im Team mitsprechen dürfen, aber wir sind natürlich auch ein kleines Team und haben kurze Wege. Das macht es einfacher.

Spreeautoren: Habt ihr auch einen eigenen Vertrieb?

Anette Beckmann: Nein, wir sind bei Oetinger mit im Vertrieb. Dennoch haben wir eine eigene Vorschau und einen eigenen Versand. Die Vertriebskooperation hat den großenVorteil, auch in Buchhandlungen hineinzukommen, bei denen es unabhängige Vertreter schwerer haben. Das lässt sich aber auch nicht nicht verallgemeinern.  Und unabhängig davon muss man auch sagen, dass der Vertreteranteil heutzutage immer geringer wird, die Buchhändler greifen auch auf andere Multiplikatoren zurück, oder der Endkunde bestellt direkt online. Das hat sich gewandelt.

Spreeautoren: Kannst du dazu noch mehr sagen?

Anette Beckmann: Vieles möchte ich auch noch herausfinden. Ich bin gerade dabei, mich in den Markt einzuarbeiten. Das Netzwerk ausbauen, Kontakte zu Buchhändlern aufbauen, zu Vertretern, Autoren, Journalisten … Und ich schaue, was die anderen Verlage machen. Wobei ich glaube, dass die Kinderbuchverlage untereinander keine großen Konkurrenten sind. Die Autoren oder Illustratoren machen nicht so umfangreiche Projekte, dass sie nicht mehr als eins im Jahr machen können. Man arbeitet mit den Künstlern selten exklusiv und kann deshalb die anderen Verlage mehr als Partner begreifen und sollte sich austauschen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass einige Verlage da sehr vorsichtig sind und das gar nicht so wünschen, weil sie den anderen doch als Konkurrenten sehen. Ich persönlich glaube, dass das nicht richtig ist und man diesen Konkurrenzgedanken gar nicht haben muss, man sollte sich lieber austauschen, damit nicht drei Verlage mit einem ähnlichen Thema und gleichen Illustrationen gleichzeitig rauskommen.

Spreeautoren: Was sind aktuell eure erfolgreichsten Bücher?

Anette Beckmann: Zum einen ist das eine Vorlese-Reihe von Kai Pannen, die mit einem Titel gestartet ist, der wie ein Adventskalender aufgebaut ist. Dieser hat sich so gut verkauft, dass wir damit im vergangenen November sogar unter den ersten zehn Plätzen bei Amazon waren und jetzt z.B. auch bei Thalia gelistet sind. Dadurch haben auch andere Titel die Chance, von den Käufern entdeckt zu werden. Die Nachfolgebände werden jetzt auch sehr gut bestellt. Aber es gibt auch andere Titel, z.B. unser Monsta-Bilderbuch, das nach kurzer Zeit schon in der dritten Auflage war.

Spreeautoren: Habt ihr euch einen Schwerpunkt gegeben, oder entwickelt sich das von selbst?

Anette Beckmann: Ein Hauptschwerpunkt bei uns ist das Bilderbuch. Und wir haben seit zwei Jahren das Segment Geschenkbuch eingeführt, natürlich nicht im Sinne von Ratgebern, die man sonst so kennt. Aber Bücher, die sowohl im Bilderbuch als auch im Geschenkbuchbereich funktionieren. Sicherlich haben wir auch im Erstlesebereich einen Schwerpunkt, weil wir etwas machen, was andere Verlage nicht machen, weil wir versuchen, literarischere Texte zu nehmen und sie von tollen Künstlern illustrieren lassen. Wo ich jetzt tatsächlich noch einen Schwerpunkt setzen möchte, ist im Romanbereich für etwas ältere Kinder so ab 10, 11. Ich glaube, da gibt es wirklich einen Bedarf, vor allem im realistischen Bereich. Also tatsächlich Alltagsthemen, mal schwieriger, aber auch richtig lustig, also so etwas wie literarische Unterhaltung.

Spreeautoren: Zum Schluss wollte ich dich noch fragen: Wenn du etwas an der Verlagsszene ändern könntest, was wäre das? Ein bisschen hast du ja schon gesagt.

Anette Beckmann: Ich würde mir echt mehr Austausch wünschen. Das kann man auch selbst ändern, indem man die Leute einlädt, anspricht, sich austauscht und diesen Netzwerk-Gedanken verfolgt. Ich glaube, dass das viel zu wenig gemacht wird. Außerdem würde ich mir wünschen, dass es weniger Gejammer gibt. Das halte ich für destruktiv. Die Welt verändert sich, es gibt nun mal immer mehr Serien und Filme und Smartphone-Nutzung, damit muss man irgendwie umgehen. Man könnte Ideen entwickeln und versuchen, offen in diese Richtung zu denken. Warum sollte man nicht mal einen Text fürs Handy schreiben, wo man jeden Tag ein Kapitel lesen kann? Oder man legt ein Buch von vornherein so an, dass man daraus auch eine Netflix-Serie macht … Da gibt es bestimmt ganz viele Richtungen, in die man denken kann. Ich glaube, es ist schlecht, immer von sinkenden Buchverkäufen zu reden, denn das tun sie ja zum Glück im Kinderbuchbereich gar nicht so sehr. Damit machen es sich viele auch zu einfach, weil es natürlich leichter ist, sich zu beschweren, als zu schauen, was man ändern kann und muss. Ich kann zum Beispiel von Tulipan sagen – und das freut mich sehr -, dass wir unseren Umsatz im letzen Jahr deutlich steigern konnten. Da habe ich das Gefühl, wir sind auf einem tollen Weg.

Spreeautoren: Viel Erfolg und danke für das Gespräch.

Der Unsinn mit dem „Tellerrand“

© Till Hülsemann

von Salah Naoura

Jüngst führte mich eine Lesereise zum ersten Mal nach Luxemburg, nach Düdelingen, wohin mich eine kinderliteratur-engagierte Lehrerin eingeladen hatte. Wir sprachen viel über die Kinderbuchbranche und wie man heutige Kinder für Geschichten begeistert. Zu meiner Überraschung (und großen Freude) hob sie die Bedeutung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur besonders hervor. Deutschsprachige Bücher stellten, sagte sie, ein ganz eigenes Genre dar – eine oft wunderbare Mischung aus realen und fantastischen Elementen, wodurch Kinder zum einen vor der Haustür abgeholt, zum anderen in neue Welten entführt würden, in denen sich Althergebrachtes spiegeln, neu deuten und bewerten lasse.

Schwer zu sagen, ob dies wirklich ein typisches Merkmal deutschsprachiger KJL ist (das wäre eine literaturwissenschaftliche Untersuchung wert) – jedenfalls ist es (und das verblüffte mich) genau das, was ich selber mag: ein reales Setting, in dem das Geschehen irgendwann ins Irreale abhebt. Solche Bücher seien so wichtig, dass in der luxemburgischen Lehrerausbildung sogar dazu angehalten werde, im Deutschunterricht möglichst keine Übersetzungen zu lesen.

Dermaßen viel Wertschätzung deutschsprachiger Kinderbücher hat hierzulande Seltenheitswert – in jüngerer Vergangenheit war unter den deutschen Gralshütern der Kinderliteratur eher die Rede davon, deutschsprachige Autorinnen und Autoren könnten nicht so gut schreiben wie englischsprachige oder skandinavische. Auch unser Jugendliteraturpreis bescheinigt dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuch Jahr für Jahr seine angeblich mangelnde Qualität, indem er in diesen Sparten fast nur Übersetzungen nominiert und auszeichnet.

Der Wunsch der Mehrheit unserer Autorinnen und Autoren nach mehr Sichtbarkeit (zum Beispiel durch Einführung einer deutschsprachigen Sparte des DJLP) wird abgetan als Ruf der ewig Gestrigen, die immer noch nicht begriffen hätten, wie wichtig in unseren globalisierten Zeiten der „Blick über den Tellerrand“ sei. Was für ein Unsinn. Wer dies heute noch als eine Notwendigkeit beschreibt, hat nicht begriffen, dass es den Teller nicht mehr gibt. Kindern und Jugendlichen ist die globalisierte Welt längst eine Selbstverständlichkeit. Sie findet vor der Haustür statt und in der Schule. Über andere Kulturen liest man zudem überall oder man fährt hin. Heutige Kinder reisen erstaunlich viel und kommunizieren weltweit.

Um der aktuellen „Lesekrise“ beizukommen, brauchen wir einen neuen Fokus auf die deutschsprachige Literatur für Kinder und Jugendliche. Auf Geschichten, die ihnen jene Welt spiegeln, in der sie sich tagtäglich bewegen. Denn nur wer sich gut kennt und eine selbstsichere Identität hat, kann den anderen und ihrer Andersartigkeit gegenüber neugierig, offen und tolerant sein – Grundvoraussetzung für ein friedvolles Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft.